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Risikovorsorge der Schweiz für Strom: Neuer Bericht publiziert


Wer hat welche Rolle bei einer Stromversorgungkrise in der Schweiz? Welche Massnahmen gibt es, dass es gar nicht dazu kommt? Und: Welche Risikoszenarien gibt es überhaupt? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert der Bericht «Risikovorsorge der Schweiz für Strom», den das Bundesamt für Energie am 28. September 2022 publiziert hat.

Vorneweg: Die aktuelle europaweite Energiekrise im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg ist nicht der Auslöser für den Bericht. Sie zeigt aber auf, wie wichtig es ist, dass Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten im Krisenfall geklärt sind.

Hintergrund für den Bericht ist das Memorandum of Understanding, das die Schweiz mit den Staaten des Pentalateralen Energieforums (Belgien, Niederlande, Luxembourg, Frankreich, Deutschland, Österreich und die Schweiz) im Dezember 2021 unterzeichnet hat. Die Penta-Staaten wollen bei der Krisenvorsorge im Strombereich ihre Zusammenarbeit festigen und intensivieren. Und: Sie orientieren sich dabei an den europäischen Vorschriften.

Vier Fragen an Matthias Haller, Fachexperte Netze im Bundesamt für Energie. Er hat die Arbeiten zu diesem Bericht mitkoordiniert.

Energeiaplus: Kann man sagen, dieser Bericht ist eine Art Handbuch für den Krisenfall bei der Stromversorgung? 

Matthias Haller hat am Bericht „Risikovorsorge der Schweiz für Strom“ mitgearbeitet.

Matthias Haller: Der Bericht ist nicht als Handbuch gedacht, in dem Schritt für Schritt aufgelistet ist, was wer zu tun hat im Krisenfall. Vielmehr dient er als Nachschlagewerk, um aufzuzeigen, wer welche Rolle hat und was für Massnahmen bei der Krisenvorsorge und Bewältigung bereitstehen. Der Bundesstab Bevölkerungsschutz erarbeitet im Rahmen der Vorsorgeplanung zusammen mit den Bundesämtern sogenannte Start- und Bewältigungsstrategien. Solche hat er auch für den Fall eines Stromausfalls und einer Strommangellage erstellt. Allerdings gilt festzuhalten, dass auf jede Krise situationsbezogen reagiert werden muss.

Im Bericht sind die Zuständigkeiten im Krisenfall aufgeführt. Es sind Massnahmen und Verfahren für die Prävention, Vorsorge und Bewältigung definiert und ein Kapitel widmet sich der internationalen Zusammenarbeit. Was ist der wichtigste Punkt in Ihren Augen?

Wichtig ist, dass die Zuständigkeiten klar sind und jeder weiss, was zu tun ist, und ein regelmässiger Informationsaustausch stattfindet. Das heisst auch, dass sich die involvierten Leute kennen – es heisst nicht umsonst KKK «in der Krise Köpfe Kennen». Das gilt ebenso für die internationale Zusammenarbeit, die je nach Krise besonders wichtig ist. Von Stromkrisen sind oft mehrere Länder betroffen, also nicht nur die Schweiz. Umso wichtiger ist dann, dass die Kommunikation und Koordination sichergestellt werden kann.

Die Energiesituation ist angespannt. Das Risiko einer Strommangellage ist da. Kommt dieser Bericht nicht fast zu spät? Oder anders gefragt: Was hält der Bericht Neues fest, was jetzt nicht schon in der Praxis erprobt wird?

Der Bericht bietet einen Überblick über die wesentlichen Akteure beim Stromkrisenmanagement auf Stufe Bund und zeigt verschiedene Massnahmen auf. Bisher gab es noch kein Dokument, welches diese Übersicht bot. Auch unsere Nachbarstaaten haben solche Berichte verfasst und ihre Krisenmechanismen dadurch transparent gemacht. Damit können wir uns ein gutes Bild machen, wie das Krisenmanagement bei den Nachbarstaaten funktioniert. Das erleichtert in oder vor einer Krise entscheidend die Koordination.

Was hält der Bericht punkto grenzüberschreitende Zusammenarbeit fest? Im MoU haben sich die Penta-Staaten ja darauf geeinigt zusammen zu arbeiten.

Wichtig ist zu wissen, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit über verschiedene Ebenen stattfindet. Die Übertragungsnetzbetreiber kooperieren bereits seit langer Zeit eng miteinander – nicht nur im Krisenfall. Sie sorgen dafür, dass gemeinsam das europäische Stromnetz sicher betrieben werden kann. Auch arbeiten die Regulatoren zusammen. Die ElCom pflegt enge Kontakte mit den benachbarten Regulierungsbehörden. Das ist sehr wichtig, um den Betrieb des Stromsystems sicherstellen zu können. Desgleichen arbeiten die Energieministerien zusammen – insbesondere im Rahmen des Pentalateralen Energieforums für die Umsetzung des MoU. Die Zusammenarbeit funktioniert auch in der jetzigen Krise sehr gut, Informationen werden geteilt und wo nötig eine Koordination sichergestellt. Für die Schweiz ist das besonders wertvoll, weil sie aufgrund des fehlenden Stromabkommens von der Koordination auf EU-Ebene bisher ausgeschlossen ist.

Von BFE-Seite haben Martin Michel, Denis Peytregnet und Matthias Haller (alle Fachspezialisten Netze) am Bericht «Risikovorsorge der Schweiz für Strom» mitgearbeitet.

Die Akteure in der Schweiz bei der Krisenvorsorge im Strombereich:

Bundesrat, Bundeskanzlei, Wirtschaftliche Landesversorgung, OSTRAL, Bundesamt für Energie (BFE), Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom), Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS), Bundesstab für Bevölkerungsschutz (BSTB), Kantone, Nationale Netzgesellschaft (Swissgrid) und Verteilnetzbetreiber.

Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: shutterstock: Yevhen Prozhyrko; Stock Photo ID: 1903381996