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Versorgungssicherheit: BFE-Direktor Benoît Revaz im Swisspower-Interview


Die Versorgungssicherheit mit Strom prägt derzeit die öffentliche Diskussion und ist auch Thema am 4. Stadtwerkekongress am 1. April 2022 in Aarau. Wie sieht die Situation aus Sicht des Bundes aus? Antworten von Benoît Revaz, Direktor des Bundesamts für Energie. Er wird an der Podiumsdiskussion des Stadtwerkekongresses teilnehmen. Das Interview wurde von swisspower, der Allianz von 22 Schweizer Stadtwerken und regionalen Unternehmen der Versorgungswirtschaft, geführt und am 24. Februar auf swisspower.ch veröffentlicht.

Die ganze Schweiz spricht zurzeit davon, dass in den kommenden Jahren eine Winterstromlücke droht. Wie sieht die Situation in diesem Winter aus?

Benoît Revaz: „Wenn die Lage auf dem europäischen Markt kritisch ist, kann das auch Auswirkungen auf die Schweiz haben.“

Benoît Revaz: Europaweit betrachtet ist sie angespannt. Das liegt unter anderem daran, dass die Gasspeicher weniger gefüllt sind als normalerweise und vier französische Kernreaktoren vom Netz genommen wurden. Die Situation in der Schweiz kann man zwar nicht losgelöst von der internationalen Lage betrachten. Doch für unser Land sind im Winter insbesondere die Speicherseen sehr wichtig. Und die sind derzeit noch recht gut gefüllt, ihr Niveau entspricht dem langjährigen Durchschnitt.

Zudem hat das Übertragungsnetz genügend Kapazitäten. Aus Sicht der Arbeitsgruppe Winter unter der Federführung der ElCom ist also die Versorgungssicherheit in diesem Winter trotz der angespannten Preissituation nicht in Gefahr. Ein Restrisiko besteht aber, wenn es weitere grössere Ausfälle von Kraftwerken geben sollte oder wenn es im März noch zu einer längeren ausgeprägten Kälteperiode kommen würde.

Durch den Abbruch der Verhandlungen für ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU gibt es vorderhand auch kein Stromabkommen. Wie sehr steigt dadurch für die Schweiz das Risiko von Stromversorgungsproblemen?

Es müssten einige schwierige Faktoren zusammentreffen, damit eine kritische Situation entsteht. Die Studie von BFE und ElCom zeigt das anhand eines Stress-Szenarios: Es müssten im Winter gleichzeitig grosse Kraftwerke in der Schweiz und in Europa ausfallen und die dem Stromhandel zur Verfügung gestellten Grenzkapazitäten der Schweiz – und damit die kommerziellen Importe – stark reduziert sein.

Unter diesen Umständen könnte es gegen Ende Winter während einiger, nicht aufeinanderfolgenden Stunden zu Versorgungsengpässen kommen. Während dieser Stunden gäbe es also eine Strommangellage, die mit Bewirtschaftungsmassnahmen bewältigt werden müsste.

Welche Pläne hat der Bund, um die hohe Versorgungssicherheit der Schweiz weiterhin zu gewährleisten?

Eine kurzfristige Massnahme, die bereits ab dem Winter 2022/23 greifen soll, ist die Winterreserve in den Speicherseen. Kraftwerkbetreiber werden entschädigt, damit sie für die späten Wintermonate Wasser in den Speicherseen zurückbehalten. Eingesetzt würde diese Reserve aber nur, wenn der Markt nicht in der Lage ist, genügend Strom zu liefern, um die Balance zu sichern.

Uns ist jedoch wichtig, nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Energieeffizienz anzusetzen. Da gibt es ebenfalls ein grosses Potenzial, zum Beispiel durch den Ersatz von Elektrospeicherheizungen oder durch sparsamere Elektrogeräte. Das sind Massnahmen, die wir relativ schnell umsetzen können.

Und was ist mittel- bis langfristig vorgesehen?

Die Versorgungssicherheit ist ein Hauptziel im Mantelerlass (Revision Stromversorgungs- und Energiegesetz), der derzeit in den eidgenössischen Räten behandelt wird. Darin ist vorgesehen, die Produktionskapazitäten der erneuerbaren Energie bis 2050 generell stark zu erhöhen. Weiter soll bis 2040 ein Zubau von 2 TWh steuerbarer, erneuerbare Elektrizität erfolgen. Vorab kommen hier Speicherwasserkraftwerke in Frage, aber auch andere erneuerbare Energieträger.

Weiter ist vorgesehen, dass die Winterreserve in den Speicherseen weitergeführt wird. Zudem sind andere Reserven möglich. Wir sind da technologieoffen. Als zusätzliche Versicherung sind auch Reserve-Gaskraftwerke ein Thema. Diese könnten in Extremsituationen Strom liefern.

Wer würde über den Einsatz dieser Gaskraftwerke bestimmen?

Die Gaskraftwerke wären eine weitere zusätzliche Reserve, wenn im Winter auf dem Markt zu wenig Strom vorhanden wäre. Im Gesetz respektive in einer Verordnung müssten die Regeln für den Betrieb definiert werden. Abklärungen dazu laufen derzeit.

Angesichts der derzeit instabilen Lage auf dem Gasmarkt in Europa: Besteht die Gefahr, dass es für den Betrieb der Reserve-Gaskraftwerke zu wenig Gas in der Schweiz gibt?

Das ist eine berechtigte Frage ­– besonders, weil die Schweiz keine eigenen grossen Gasspeicher hat. Die Schweiz ist zwar international gut vernetzt mit Gasleitungen von Norden, Westen und Süden. Doch wenn die Lage auf dem europäischen Markt kritisch ist, kann das auch Auswirkungen auf die Schweiz haben.

Swisspower schlägt als Lösung die Wärme-Kraft-Kopplung kombiniert mit Power-to-Gas vor. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?

Das ist ein interessanter Ansatz. Allerdings darf man das Energieversorgungssystem nicht nur durch die Brille der Winterversorgung betrachten. Es geht auch um die Effizienz der ganzen Wertschöpfungskette übers ganze Jahr und da wird es rasch komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Im Auftrag der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Postulat 20.3000, UREK-N) sind wir derzeit daran, mögliche Regulierungen für die Wärme-Kraft-Kopplung zu analysieren.

Wie ist der Stand beim geplanten Gasversorgungsgesetz? Und fliessen dort auch klimapolitische Anliegen ein?

Der Bundesrat wird das Gasversorgungsgesetz voraussichtlich gegen Ende 2022 verabschieden. Die Rückmeldungen aus der Vernehmlassung haben gezeigt, dass das Gesetz nicht nur die Gasversorgung regeln, sondern auch Massnahmen zur Dekarbonisierung beinhalten soll.

Welche Rolle spielen die Stadtwerke, um die Stromversorgungssicherheit zu gewährleisten?

Die Stadtwerke tun gut daran, die richtige Balance zu finden zwischen Eigenproduktion sowie langfristigem und kurzfristigem Stromeinkauf. Ganz wichtig erscheint mir, dass die Stadtwerke ihre Fernwärmestrategie weiterentwickeln, damit die Dekarbonisierung nicht exklusiv über die Elektrifizierung läuft. Gerade im urbanen Raum mit hoher Wärmedichte sind Fernwärmenetze eine sinnvolle Lösung für CO2-armes Heizen und Kühlen.

Zusätzliche Produktionskapazitäten sind meist das Erste, was im Kampf gegen eine drohende Stromlücke gefordert wird. Lösen wir damit alle Versorgungsprobleme?

Nein. Versorgungssicherheit muss man systemisch betrachten. Die Speicherung von Energie, Massnahmen zur Steigerung der Effizienz und leistungsfähige Energienetze sind genauso wichtig. Diese Potenziale muss man unbedingt auch ausschöpfen. Mit dem Ausbau der Fernwärmenetze und dem Zubau von Solarenergie können die Stadtwerke einen wichtigen Beitrag zu diesem System und zur Dekarbonisierung leisten.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Stadtwerkekongress 2022: «Starke Städte»

Bei Energie und Klimaschutz sind Städte einerseits Vorreiter, initiieren Lösungen für den Klimaschutz sowie für ein nachhaltiges Energiesystem und treiben diese voran. Andererseits sind sie von den Folgen einer möglichen Energie- und Klimakrise besonders betroffen. Der Stadtwerkekongress 2022 vom 1. April zeigt auf, wie die Stadtwerke gemeinsam mit ihren Partnern zu starken und resilienten Städten beitragen können.

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7 Kommentare
  1. Jürgen Baumann
    Jürgen Baumann sagte:

    Gaskraftwerke ohne gesicherte Versorgung sind so sinnvoll wie LW ohne Räder.
    Die Pläne Wind- und Solarenergie drastisch auszubauen, werden angesichts der neuen Preissprünge mehr Unterstützer finden. Und nicht zuletzt sind die Befürworter der Energiewende nun um ein brandaktuelles Argument reicher: Jedes neue Windrad, jede neue Solarzelle bedeuten ein Stück mehr Unabhängigkeit von Machthaber Putin. Das ist auch nicht anders bei AKW’s. Die meisten Lieferländer für Uran dürften wohl kaum als lupenreine Demokratien durchgehen.
    #stopburningstuff

    Antworten
  2. Hans Burri
    Hans Burri sagte:

    Was die sich weiter öffnende Winterstromlücke betrifft, so hat Herr Revaz kurz nach seinem Amtsantritt vor etwa 5 Jahren im Anschluss an einen Vortrag die folgende Aussage gemacht. „In der Lombardei stehen viele schlecht ausgelastete Gaskraftwerke herum. Es stünde daher dort eine Leistung von etwa 8´000 MWe zur Verfügung, welche somit von der Schweiz für den Import von Strom im Winter genutzt werden könnte“. Ich stelle fest, dass er entweder keine Ahnung hatte oder falsch informiert war oder aber sich diese Situation seither komplett geändert hat. Falls es so sein sollte frage ich mich wirklich, warum eine solche Möglichkeit zum „stopfen“ der Lücke vom BFE in all diesen Jahren nie in der Öffentlichkeit erwähnt und diskutiert worden ist.

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